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Debattenbeitrag von Dr. Thomas Sattelberger Bildung/Schule der Zukunft 

Wir brauchen ein Modell schöpferischer Kreativität 

Bildung für alle, Pisa-Schock, Schule als kreative Werkstätte - drei große Debatten ranken sich um die Bildungslandschaft. Nun ist die Frage nach den Future Skills - dazu gehören zwingend Schulfreiheitsgesetze, Kooperationsgebot und Propheten der Zukunft.

Es sind im Kern drei große Debatten, die die Bildungslandschaft wie Pflüge durchfurchen. Die erste reicht zurück bis ins 19. Jahrhundert. Sie schlägt den Spannungsbogen zwischen Elitenbildung und dem Alexander von Humboldt'schen Ideal einer ganzheitlichen Bildung für alle. Der Versuch, die soziale Abschottung der höheren Stände zu durchbrechen, scheiterte vor 150 Jahren.

Heutzutage sieht es kaum besser aus. Jahr für Jahr bescheinigt die OECD Deutschlands Bildungssystem extreme soziale Undurchlässigkeit. Corona ist hierbei Brandbeschleuniger. Die zweite Debatte bewegt sich zwischen Effizienz und Humanismus in der industriellen Ära. Gary Becker von der University of Chicago erhielt 1992 den Nobelpreis auch für seine Humankapital-Theorie der Investitionen in Bildung. Gerade die Chicagoer Schule hat Input und Output von Bildung erforscht sowie den Zusammenhang zwischen volkswirtschaftlichem Bildungsniveau, Produktivität und Wohlstand. Die alte Forderung nach „mehr Humanismus“ greift zurück auf das bislang fehlgeschlagene Humboldt'sche Bildungsideal der Potenzialentfaltung Aller bei gleichzeitiger Ablehnung wirtschaftlicher Verwertung von Bildung.

Bildungs-/Schulsystem: Langfristig und evolutionär statt revolutionär 

Als Symbol für Humankapital in dieser zweiten Debatte steht der Pisa-Schock aus dem Jahr 2000. Zwar hat Deutschland bei Mathematik, Naturwissenschaften und Lesekompetenz danach massiv aufgeholt – aber leider nur bis 2012. Seitdem sind wir wieder abgestürzt auf das Level von 2003. Effizienz verfehlt! Konsequenz: Millionen An- und Ungelernte im Arbeitsmarkt, darunter ganz viele Menschen mit abgebrochener Schulausbildung. Für mehr Humanismus steht dagegen der „Club der toten Dichter“.

Diese Filmlegende von 1989 zeigt auf bewegende Weise: Wir brauchen ein Schulmodell schöpferischer Kreativität anstelle eines von Instruktion, Drill und Effizienz geprägten Lernens. Im Übergang zur post-industriellen Ära ein schwieriges Nebeneinander. Schulsysteme ändern sich nicht revolutionär, sondern – wenn überhaupt – langfristig und evolutionär. Und dies bringt uns zur dritten großen Debatte mit den beiden Gegenspielern industriell geprägter Instruktion und digital geprägter Kreation.

Industriegesellschaften denken in den Kategorien „schneller, höher, weiter“, in optimierter Massenproduktion und Reproduktionskultur.

Die digitale Ära hingegen ist mehr und mehr beeinflusst von Fragen nach Kreation, Design, Innovation, Experimentierkultur. Schule nicht als Instruktionsanstalt, sondern als kreative Werkstätte, als Maker Space. Hierbei zeigt sich, wie folgenschwer Bildungs- und Wirtschaftssystem miteinander verwoben sind. Nationen mit innovativen Spielbeinen (etwa bei Software, Entertainment, Biotechnologie oder Raumfahrt) haben durch die Bank deutlich fortschrittlichere Bildungssysteme als Deutschland. Wir sind ein Land des Maschinen-, Anlagen- und Autobaus geblieben. Mit exzellenter Massenproduktion und perfekter Maßarbeit, mit einer „Zero Defect“- statt „Trial & Error“- Kultur.

Die Frage nach Future Skills – nach kreativen, kommunikativen, kollaborativen und informationsbasierten Fähigkeiten – war deshalb noch nie so brennend wie heute. Was als Handwerkszeug der Zukunft taugt, dafür gibt es drei Messlatten:

  • Ist der Mensch Unternehmer seiner Talente? Können Frauen und Männer ihre ureigenen Potenziale und Begabungen umfassend zur Entfaltung bringen?
  • Können wir unser Leben auf Grundlage entfalteter Talente aus eigener (auch finanzieller) Kraft gestalten? In den USA spricht man schnöde von Employability, Jobability, Marketability.
  • Gelingt es dem geballten Humankapital einer Region, eines Staates, eines Planeten, die Herausforderungen der Zukunft zu lösen – etwa die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen?

Unwort des Jahres 2004 

Humankapital: Das Unwort des Jahres 2004 verwende ich in diesem Kontext mit großer Freude. Denn ich verstehe darunter schöpferisches Potenzial und keine ausbeuterische Größe. Elite vs. Durchlässigkeit, Effizienz vs. Humanismus, Industrialisierung vs. Kreation. Wahrheit und Legitimation stecken in all diesen Spannungsbögen. Auf der Suche nach einer Institution, die sie berücksichtigt und bewältigt, fällt mir die School of One ein im New Yorker Brennpunkt Brooklyn. Sie lebt wie jeder innovative Bildungsleuchtturm von kreativem Mix. Sie bricht mit geordneten Klassenräumen, schafft „Open Spaces“ wie auch „Maker Spaces“. Diese Schule bricht auch mit dem sozialen Silo – ihre Absolventen studieren. Und sie bricht mit sozialer Hierarchie; Lehrende werden zu Lernprozessbegleitern und Mentoren.

Eines kommt jedoch noch hinzu: Künstliche Intelligenz und Learning Analytics ermöglichen jungen Menschen, tagtäglich individuell maßgeschneiderte Lernpfade einzuschlagen mit den richtigen Inhalten, dem richtigen Tempo und der richtigen Intensität.

Die Hefe im Teig 

Keine durchtechnokratisierte Schule, sondern eine menschliche Schule mit Algorithmen als digitale Coaches. Übrigens auch für zeit- und ortsunabhängiges Lernen. Leistungsstandards und Abschlüsse werden uns noch lange Zeit begleiten. Gleichzeitig müssen wir uns bewusst machen, was Schule eigentlich sein soll: ein Biotop für die Unterschiedlichkeit von Begabung!